suiLearning: Entwicklung, Erprobung und Evaluation eines E-Learning Programms "Grundkurs Suizidprävention im Gesundheitswesen"

suiLearning ist ein bundesweites Forschungs- und Entwicklungsprojekt zur Stärkung suizidpräventiver Kompetenz im Gesundheitswesen. Entwickelt wird ein online-basiertes E-Learning-Programm „Grundkurs Suizidprävention im Gesundheitswesen“, das Fachpersonen in unterschiedlichen Versorgungsbereichen unterstützt, suizidale Krisen besser zu erkennen, einzuordnen und verantwortungsvoll zu handeln.

Hintergrund

In Deutschland sterben jedes Jahr mehrere Tausend Menschen durch Suizid, im Jahr 2023 waren es über 10.000. Die Zahl der Suizidversuche wird auf mindestens 100.000 pro Jahr geschätzt. Viele dieser Menschen haben im Verlauf ihrer Krise Kontakt mit Angeboten des Gesundheitswesens – in Hausarztpraxen, Notaufnahmen, Pflegeeinrichtungen, Kliniken, Hospizen oder anderen Versorgungssettings. Dennoch gibt es bislang nur wenige, breit zugängliche Fortbildungsangebote, die berufsgruppenübergreifend auf den Umgang mit Suizidalität vorbereiten.

Die Nationale Suizidpräventionsstrategie der Bundesregierung betont vor diesem Hintergrund die Bedeutung von Aus-, Fort- und Weiterbildung im hilfreichen Umgang mit suizidalen Menschen. Hier setzt suiLearning an: Das Projekt entwickelt ein wissenschaftlich fundiertes, praxisnahes E-Learning-Programm, das flexibel im Arbeitsalltag genutzt werden kann.

Ziel des Projekts

Ziel von suiLearning ist die Entwicklung, Evaluation und Implementierung eines online-basierten Grundkurses zur Suizidprävention für alle Berufsgruppen im Gesundheitswesen. Das Programm soll basale Kompetenzen des Erkennens, Verstehens und Behandelns suizidaler Menschen stärken und Teilnehmende ermutigen, dieses Wissen sicher und verantwortungsvoll im Berufsalltag anzuwenden.

Das übergeordnete Lernziel lautet: Suizidprävention lernen – auseinandersetzen, erwerben, anwenden. Die Teilnehmenden setzen sich mit wissenschaftlich fundierten Inhalten ebenso auseinander wie mit eigenen Vorstellungen, Erfahrungen und Einstellungen zum Thema Suizidalität.

Einbezug von Theorie und Praxis in die Entwicklung

Um die Relevanz des Lernprogramms für die Teilnehmenden zu bestimmen, werden die Lerninhalte in Kooperation von Fachleuten aus der Wissenschaft und Praxis entwickelt. Auf einer Konferenz wurden von den beteiligten Expertinnen und Experten erste Lehrinhalte und Lernziele bestimmt und auf weiter Treffen präzisiert. Die einzelnen Lerneinheiten  werden anschließend in bis zu 30 Arbeitsgruppen entwickelt, in Reviews auf ihre Anwendbarkeit geprüft und von den Mitgliedern der Expertengremien für die jeweiligen Berufsfelder ausgewählt und freigegeben. Insgesamt beteiligen sich bis zu 100 Expertinnen und Experten aus der Wissenschaft und der praktischen Arbeit an der Entwicklung.

Zielgruppen

Das Programm richtet sich an alle professionell im Gesundheitswesen Tätigen, die mit suizidalen Menschen in Kontakt kommen können. Dazu gehören unter anderem Ärztinnen und Ärzte, Psychotherapeutinnen und -therapeuten, Fachkräfte der Pflege, Sozialarbeitende, Therapeut:innen weiterer Gesundheitsberufe, Seelsorgende, Beratungsfachkräfte und Psycholog:innen in unterschiedlichen Handlungsfeldern. Studierende und Auszubildende können das Programm ebenfalls nutzen, stehen jedoch nicht im Fokus der Evaluation.

Lernziele: Wissen, Haltung, Handeln

Die Lernziele von suiLearning sind dreistufig angelegt und umfassen kognitive, affektive und aktionale Dimensionen:

Kognitiv (Wissen):
Die Teilnehmenden erwerben wissenschaftlich fundiertes Grundwissen über Suizidalität, Epidemiologie, Risiko- und Schutzfaktoren sowie bewährte Handlungsstrategien der Suizidprävention. Sie lernen Erscheinungsformen suizidalen Erlebens kennen und verstehen, wie Suizidalität im Gesundheitswesen wahrgenommen und beschrieben werden kann.

Affektiv (Einstellung):
Die Teilnehmenden reflektieren eigene Vorstellungen, Erfahrungen, Einstellungen und Affekte im Umgang mit Suizidalität. Ziel ist es, Empathie, Verständnis und Sicherheit im Kontakt mit suizidgefährdeten Menschen zu fördern und Tabuisierungen abzubauen.

Aktional (Handlung):
Die Teilnehmenden erweitern ihre Fähigkeiten, suizidale Anzeichen zu bemerken, anzusprechen und angemessen darauf zu reagieren. Dazu gehören grundlegende Gesprächstechniken, die Einschätzung von Krisensituationen, das Organisieren weiterer Hilfen sowie die Sorge um die eigene psychische Gesundheit und kollegiale Unterstützung.

 

Inhalte des Grundkurses

Der Grundkurs umfasst gemeinsame Basiseinheiten für alle Zielgruppen sowie vertiefende Einheiten für spezifische Arbeitsfelder. Beispiele sind:

Basiseinheiten (Auswahl):

  • Grundwissen zu Suizid und Suizidalität
  • Grundlagen der Gesprächsführung bei Suizidalität
  • Das Hilfesystem und Behandlungsfelder
  • Suizidalität in verschiedenen Lebensphasen
  • Einbezug von An- und Zugehörigen
  • Rechtliche Grundlagen
  • Selbstfürsorge für Professionelle
  • Umgang nach einem Suizid(versuch)

Vertiefende Einheiten (Auswahl):

  • Suizidalität bei psychischen Erkrankungen
  • Suizidalität bei körperlich schwer kranken Menschen
  • Suizidalität bei alten und jungen Menschen
  • Spezifische Situationen, z. B. Notaufnahme oder Palliativversorgung
  • Suizidalität und Diversität & Gender
  • Anliegen eines assistierten Suizids
  • Außerklinische Suizidprävention und Unterstützung für Professionelle

Didaktisches Konzept und Aufbau des E-Learnings

Das E-Learning-Programm ist modular strukturiert. Module bestehen aus Lerneinheiten, diese wiederum aus Bausteinen, die aus sogenannten „Content Containern“ zusammengesetzt sind. Die Container enthalten je nach Lernziel unterschiedliche Medien:

  • Videoinhalte: szenische Kurzfilme, Erklärvideos und Interviews
  • Texte: verständlich und typografisch strukturiert aufbereitete Inhalte
  • Quiz-Formate: Single- und Multiple-Choice-Aufgaben, Zuordnungsaufgaben, Schätzfragen
  • Schaubilder und Grafiken: statische oder animierte Visualisierungen, Karten und Diagramme

Das Lernprogramm ist so gestaltet, dass sich Inhalte intuitiv erschließen: Bausteine können aus abwechselnden Text-, Video-, Grafik- und Quiz-Containern bestehen, die lineares Lesen und interaktive Elemente kombinieren. Ein Dashboard führt durch die Module, zeigt den Lernfortschritt und macht individuelle Lernpfade sichtbar. Erste Prototypen veranschaulichen das Design der Oberfläche, die Navigation durch Lerneinheiten sowie interaktive Lernkontrollen.

Projektphasen und Forschung

Das Projekt gliedert sich in vier Phasen:

  1. Entwicklung (2024 – 2026)
    In einem iterativen Prozess werden Konzeption, Inhalte und Materialien erarbeitet. Fachpersonen aus Suizidprävention, Medienpsychologie, Mediendesign, Filmproduktion und IT arbeiten eng zusammen. In internationalen Expert:innen-Meetings und Fachprojektgruppen werden Lerneinheiten definiert, diskutiert und zur Produktionsreife gebracht.
  2. Erprobung und Revision (2025 – 2026)
    Parallel zur Entwicklung werden zentrale Elemente mit etwa 30 Reviewer:innen aus unterschiedlichen Gesundheitsberufen erprobt – darunter auch Menschen mit eigener Erfahrung suizidaler Krisen. In Interviews und Fragebögen geben sie Rückmeldungen zur Handhabbarkeit, Relevanz und zum subjektiv erlebten Lernerfolg. Auf dieser Grundlage wird der Prototyp fortlaufend verbessert.
  3. Evaluation in einer randomisiert kontrollierten Studie (2026 – 2027)
    Die Wirksamkeit des E-Learning-Programms wird in einer RCT-Studie mit drei Gruppen (Interventionsgruppe, aktive Kontrollgruppe, Wartegruppe) untersucht. Erfasst werden unter anderem Wissenszuwachs, subjektive und objektive Kompetenz, Selbstwirksamkeit, Einstellungen gegenüber suizidalen Menschen sowie die Bereitschaft, Gespräche über Suizidalität im Berufsalltag zu führen.
  4. Implementierung (2027 – 2028)
    Nach Abschluss der Evaluation wird das Programm über geeignete Plattformen – etwa NaSPro/DASP und weitere E-Learning-Portale – öffentlich bereitgestellt. Die Ergebnisse werden auf einer internationalen Fachkonferenz vorgestellt und durch Öffentlichkeitsarbeit in Berufsverbände, Fachgesellschaften und Einrichtungen des Gesundheitswesens getragen.

Fachprojektgruppen und Beteiligte

Fünf Fachprojektgruppen bringen die Perspektiven verschiedener Versorgungsbereiche ein, darunter psychische Erkrankungen, Primärversorgung, Lebensende, körperliche Erkrankungen und weitere Felder wie Apotheken, pflegende Angehörige oder Krankenhausarchitektur. Sie sichern die Relevanz der Inhalte für den jeweiligen Praxisalltag und geben die Lerneinheiten für das Programm frei.

Der Verbund wird von der Deutschen Akademie für Suizidprävention (DASP) koordiniert. Projektpartner sind die Universität Kassel, die Universität Würzburg, das Universitätsklinikum Hamburg-Eppendorf und die Hochschule Macromedia Frankfurt. Die IT-Programmierung wird von Asmaros und die Filmproduktion von Kim Hertinger übernommen.

Förderung und Laufzeit

suiLearning wird im Rahmen der Ressortforschung im Handlungsfeld „Gesundheitsförderung und Prävention“ vom Bundesministerium für Gesundheit gefördert. Die Projektlaufzeit reicht vom 01.12.2024 bis 31.05.2028.

Perspektiven für die Praxis

Mit suiLearning entsteht ein bundesweit nutzbares E-Learning-Programm, das suizidpräventive Kompetenz im Gesundheitswesen stärkt – über Berufsgruppen und Versorgungsbereiche hinweg. Es unterstützt Fachpersonen dabei, suizidale Menschen frühzeitig wahrzunehmen, Gespräche sicher zu führen, weitere Hilfen einzuleiten und die eigene Belastung im Blick zu behalten. Damit leistet das Projekt einen wichtigen Beitrag zur Umsetzung der Nationalen Suizidpräventionsstrategie und zur nachhaltigen Verankerung von Suizidprävention als Bestandteil guter Versorgung.

 

Das Programm zielt darauf ab, die grundlegenden Kompetenzen im Erkennen, Verstehen und Behandeln von suizidalen Menschen zu fördern. Hierfür werden bis zu 14 Module entwickelt, die verschiedene Lerntools wie Texte, Grafiken, Animationen und Filme umfassen. Nach der Entwicklung wird das Programm in einer randomisierten kontrollierten Studie mit etwa 500 Teilnehmenden evaluiert und anschließend allen im Gesundheitswesen online zur Verfügung gestellt.